IDYLLE –

Julia Zumkeller

„J’ai un château sur la Côte d’Azur“. Ich habe ein Schloss an der Côte d’Azur.

Womit Le Corbusier sein bescheidenes Feriendomizil, eine kleine Holzhütte, relativ abgeschieden und versteckt in Roquebrune-CapMartin meint, verspricht dieser Satz heute dem einfachen Urlauber einen Stehplatz in einem der riesenhaften Hotels. Tausende Menschen, städtisches Gewusel, Konsum und Krabben. Dem idyllischen Urlaubsversprechen kann die gebaute Realität nicht standhalten. Statt eines lieblichen Ortes erwartet den Touristen das Gegenteil von „Ruhe“ und „Geborgenheit“1. Ein locus terribilis, an dem das Versprechen einen sanft dahinplätschernden Ferientag am Strand zu verleben genauso gebrochen wird, wie die natürliche Schönheit der Küste durch überdimensionierte Hotelanlagen.
Dabei ist gerade der harmonische und friedlich anmutende Charakter der Landschaft in der Beschreibung der Idylle maßgeblich. Obwohl in der Literatur die Grenzen zu anderen Gattungen verschwimmen und sich auch die Darstellungen des Idyllischen in der bildenden Kunst verändern, bleibt über allem das Bild eines beschaulichen, lieblichen Ortes als Konstante. Die ungefährliche, idealisierte Natur ist hier Schauplatz freundlicher Handlungen, die nicht besonders aufregend sind. Die Landschaft bildet dabei nur eine vermeintliche Kulisse. Wiesen, Gras, Blumen, Quellen, Wasserläufe und Bäume sind die eigentlichen Hauptdarsteller.
Das Räumlich-Zuständliche steht im Vordergrund.2 Die Idylle lebt von einer erbaulich, harmonischen Naturdarstellung, bei der die Handlung wie beiläufig und die Zeit keine große Rolle zu spielen scheint. Der Rahmen der Idylle scheint schon in ihrer Wortherkunft, wortwörtlich, festgesteckt. Als „eidyllion“, ein „kleines, eigenständiges Gedicht“ oder „Bildchen“3, lässt sich ein eingegrenzter Blickwinkel, ein bewusster, so gesetzter Bildausschnitt vermuten. Die große Abenteuerreise wird es hier nicht geben.
Dennoch schließt die Idylle in ihrer Beschaffenheit, sowohl als Bild, als literarische Gattung und als Idee eines guten (glücklichen) Lebens dunkle, melancholische oder abenteuerliche Themen nicht aus. Die Sichtweise wird verklärt, der Bildausschnitt retuschiert oder geschickt gesetzt, doch die Melancholie, die andere, vielleicht schlechtere Welt ist der Idylle irgendwo immanent. Der idyllische Zustand ist ein vielleicht zerbrechlicher. Oder bereits vergangen. Die rosarote Brille der Idylle.
Sicher ist, dass der Wunsch nach Idylle an bestimmte Vorstellungen geknüpft ist. Vorstellungen von einem guten Leben, von der Natur und von einfachen, grundlegenden Realitäten und Tugenden des Lebens, wie Liebe, Großmut, Fleiß, Tapferkeit und Sanftmut.4 Wobei der Ort von verwunschenen Auen, über bewirtschaftete Äcker bis hinein in die Vorstellung der Idylle im privaten Rückzug liegen kann.
Aufgrund der Idee ein naturnahes Leben zu führen, wie es von Jean-Jacques Rousseau propagiert wurde, kam die ländliche Idylle in Kreisen der Aristokratie in Mode. Das Landleben wurde verklärend mit Freiheit und Schönheit gleichgesetzt und im Auftrag der als verschwenderisch geltenden Königin Marie Antoinette, wurde der Wunsch nach einem „einfachen Dasein“ wohl am eindrücklichsten umgesetzt. Ihr kleines Staffagedorf „Hameau de la Reine“ auf dem Gelände des Schlosses von Versailles diente ihr als ländliche Zuflucht, war jedoch nicht nur Kulisse, sondern erwirtschaftete wohl tatsächlich kleine Gewinne. Eingebettet in einen Park nach englischem Vorbild ist dieser private Rückzugsort, wie einem Gemälde entsprungen, eine künstlich geschaffene, ländliche Idylle par excellence, deswegen jedoch auch heftig kritisiert.
Die Vorstellung des Rückzugs ins Private, in die häusliche, vertraute Welt findet nach dem Biedermeier auch im Nationalsozialismus Gefallen. Die eigentlich so friedvolle Idylle wird gefüttert mit Verherrlichungen des bäuerlichen Lebens und täuscht mit ihren harmonisierenden, lieblich-ländlichen Bildern über eine tatsächlich blutige Theorie von „Blut und Boden“ hinweg.
Die Idylle als ein Versprechen, das nie eingelöst werden konnte. Sie sollte als Motivator der NS-Ideologie lediglich „dienen“. Die Idylle, als bittere Pille.
Doch auch andere Versuche, die die Idylle weit weniger ausnutzen, als vielmehr wirklich kreieren wollten, bleiben am Ende unerfüllte Utopie.
So gibt es in der von der Disney-Company gegründeten Idealstadt „Celebration“5 nicht wirklich etwas zu feiern und auch die auf Nachhaltigkeit und eine ursprüngliche Lebensweise ausgelegte Gemeinde „Poundbury“6 in England bliebt nicht mehr als ein lieb gemeintes Experiment von Prince Charles.
In beiden Fällen müssen sich die Bewohner einige Restriktionen gefallen lassen und sich an strenge Regeln halten um das Bild der idyllischen Stadt und die Vorstellung eines guten, reinen Menschen in einer ebenso guten und reinen Gesellschaft aufrecht zu erhalten. Kein freier Wille in der Idylle.
Bleibt der Gedanke an die Idylle uns also nur als eine verheißungsvolle Vorstellung? Als Instrument zur Täuschung innerhalb geschickten Marketings? Gibt es Idylle also nur als Wort, nicht jedoch als Ort?
Für Le Corbusier war das vielleicht seine kleine Hütte, eher als ein von ihm geplanter Dachgarten. Das Ferienhaus „Upper Lawn Pavillon“ von Alison und Peter Smithson trägt die „Wiese“ als ein starkes und auffälliges Idyllen-Motiv bereits im Namen. Nachdem Ray und Charles Eames „fell in love with the meadow“7, erkoren sie besagtes Grundstück mit der schönen Wiese für die Planungen ihres Case Study Houses aus.
Und auch Alvar Aaltos Haus in Muuratsalo hat zwar viel experimentellen Charakter, jedoch noch mehr von einer erhabenen Ruine in einer anmutigen Naturlandschaft und damit einiges mit den Idyllen des 19. Jahrhunderts gemein.
Also kommen wir zurück an die Côte d’Azur und auf die ursprüngliche Wortherkunft, bei der „Idylle“ ein kleines Bildchen meint.
Kleine Bildchen gibt es hier genug. Postkarten soweit man sieht. Und da man eigentlich nichts mehr sieht, bieten uns diese Bilder einen Blick auf das, was wir eigentlich sehen wollten. Ewig blaue Horizonte, vielleicht ein schroffer Felsen von mutigen Bäumchen und einer winzig kleinen Hütte gekrönt.
Und glaubt man Jean Paul, der literarisch die idyllische Welt in drei Wegen „glücklicher (oder nicht glücklich) zu werden“ beschreibt, ist alles eine Frage der Perspektive.8 Er bevorzugt dabei jene zwischen „erhabener Vogel- und idyllisierender Froschperspektive“.9 Also wenden wir den Blick ab vom verklärten Urlaubsmotiv und den terriblen Betonfassaden um unseren Stehplatz auf dem Balkon eines dieser Wohnmonster einzunehmen. Und gerahmt durch die Sichtschutzwände zu den Zimmernachbarn entdecken wir vielleicht eben jene schroffen Felsen und die kleine Hütte von der Postkarte.
Und vielleicht sehen wir jemanden, sich der Reinheit der Natur erfreuend, baden.
So ist die Idylle in der Literatur und Malerei vielleicht ein Einblick in eine Welt, in die wir uns hinein wünschen. In der die Welt friedlich vor sich hin lebt und die Zeit vor lauter Schönheit ganz bewusst und langsam geht. Eine Statik, die uns nicht versteinert, aber beruhigt. Ein „täglich-grüßt-das-Murmeltier“, das uns nicht befremdet, sondern erfreut.
Wenn Aldo Rossi von den Strandhäuschen als „perfekte(r) Architektur“10 spricht und sie aufgereiht vor sich stehen sieht, „an ewig gleichen Vormittagen außerhalb der Zeit“, liegt die Vermutung nahe, dass auch er seine Idylle gefunden hat und diese sehr genau verorten kann. Wenn Rossi von „der Unschuld des Sich-Entkleidens“ spricht, „bei dem sich alte Bewegungen wiederholten“11, beschreibt er damit sowohl den Ort, als auch einen Zustand. „Die nassen Kleidungsstücke, ein paar Spiele, das sanfte Brennen des Meersalzes“12 versetzen uns selbst in eine dieser hölzernen Hütten und in ein wohliges Gefühl von Ferien. Die Spalten zwischen den Holzbrettern erlauben uns den Ausblick auf gerahmte Szenerien, die uns unseren Strandtag Revue passieren lassen.
Ist es also weniger ein Einblick, sondern eher ein Ausblick, den wir durch die Architektur gerahmt, als idyllisch wahrnehmen können?
Wollte Karl Friedrich Schinkel diese Vermutung in seinem Bild „Felsentor“13 ausdrücken, das uns den Blick auf die idyllische Landschaft erst durch eine architektonisch anmutende Felsspalte freigibt?
Sicher ist jedenfalls, dass sich Le Corbusier in den Sommermonaten gerne in seine Cabanon zurückzog. Vielleicht um zu baden. Und vielleicht konnte er in seiner Cabanon, wie Aldo Rossi in der Strandhütte, zurück in eine jugendliche Unschuld fliehen, in der er nicht „Le“ Corbusier, sondern „irgendein“ Charles-Édouard Jeanneret war, der nackt Fresken an benachbarte Häuser malte. Und vielleicht war sein letzter Wille — wie es Hans Hölzel, besser bekannt als Falco ausdrückte — Idylle. Le Corbusier ertrank beim Baden, wahrscheinlich nackt, in der Nähe seiner Cabanon.


1 Aus Geßner, Salomon: An den Leser, 1973, S.15, zitiert in Tanzer, Ulrike: Fortuna, Idylle, Augenblick, 2011, S. 181.
2 Tanzer, Ulrike: Fortuna, Idylle, Augenblick, 2011, S. 179
3 https://de.wiktionary.org/wiki/Idylle, 10/2015
4 Herder, Johann Gottfried: Idyll. Zitiert in Tanzer, Ulrike: Fortuna, Idylle Augenblick, 2011, S. 186.
5 http://www.spiegel.de/einestages/disney-planstadt-celebration-a-947267.html, 10/2015.
6 http://www.morgenweb.de/freizeit/lifestyle/idylle-fur-das-volk-1.962395, 10/2015.
7 http://www.eamesoffice.com/the-work/eames-house-case-study-house-8/, 10/2015.
8 Aus Jean Paul: Leben des Quintus Fixilein. In: Jean Paul Werke in zwölf Bänden, 1975, zitiert in Tanzer, Ulrike: Fortuna, Idylle, Augenblick, 2011, S. 189.
9 Meyer Sickendieck, Burkhard: Affektpoetik, 2005, S. 346, zitiert in Tanzer, Ulrike: Fortuna, Idylle, Augenblick, S. 189.
10, 11, 12 Rossi, Aldo: Wissenschaftliche Selbstbiographie, 2014.
13 Köppler, Jörn: Sinn und Krise moderner Architektur, 2010, S. 92.
Überschrift, Zitiat: http://www.lerecoursauxforets.org/article.php3?id_article=16, 10/2015

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